Bales, Kevin – Die neue Sklaverei

Kevin Bales – Die neue Sklaverei

Beschreibungen
Neuerdings hat mit der Sklaverei eine als abgeschafft geltende Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ungeahnte Wiederauferstehung erlebt. In ihrer neuen Prägung macht sie alte Bilder von Baumwollpflückern in den Südstaaten der USA geradezu nostalgisch: Immerhin war dort der „Besitz“ von Menschen noch mit juristischen Skrupeln und Kosten verbunden. Aus solcher Verantwortung sind die modernen Sklavenhalter weitgehend entlassen. Nach vorsichtigen Schätzungen leben derzeit 27 Millionen Menschen weltweit in einem Abhängigkeitsverhältnis, das vollkommene Beherrschung zum Zwecke wirtschaftlicher Ausbeutung bedeutet. Ohne Lohnzahlung und immer der Willkür des „Eigentümers“ ausgesetzt, schuften diese neuen Sklaven, nur mit dem Nötigsten versorgt, auf unbestimmte Zeit. Oft genug sind sie Wegwerfware, ihre „Entsorgung“ bedeutet häufig Tod.
Kevin Bales hat die betreffenden Länder bereist und kennt seinen Forschungsgegenstand aus eigener Anschauung. Er zeigt dabei, dass die neue Sklaverei (die besonders in Brasilien und Thailand vorkommt) kein lokal abgegrenztes Phänomen ist, sondern mittelbar oder direkt im Weltmarkt aufgeht. Hierin sieht der in Surrey lehrende Soziologieprofessor den Hebel für Gegenmaßnahmen: Sobald es kein einträgliches Geschäft mehr sei, bestünde kaum noch Anreiz Menschen zu versklaven.

Ein guter Ansatz, den Bales leider verspielt, indem er Sklaverei nur als eine Art Krankheit in einem ansonsten gesunden Wirtschaftskörper ansieht. Nun ist aber die globale Ökonomie von Haus aus Vernichtung durch Arbeit, und in ihr Versklavung nur die besonders hässliche Form einer grundsätzlich falschen Vernutzung menschlicher Tätigkeit. Verändertes Konsumverhalten, neue Gesetze, Stärkung von Antisklaverei-Organisationen und Menschenrechts-Appelle können zwar taktische Erfolge bringen, sind als strategische Waffen jedoch stumpf. Zudem macht Bales den Bock zum Gärtner, wenn er (ausgerechnet!) die Macht von IWF und WTO auf die Verfolgung der Sklaverei lenken möchte.

Als aufrüttelnde Dokumentation dennoch durchaus begrüßenswert und brauchbar. —Jürgen Grande